Hildebrandslied und die Anfänge der weltlichen Dichtung


Hildebrandslied und die Anfänge der weltlichen Dichtung
Hildebrandslied und die Anfänge der weltlichen Dichtung
 
»Ich hörte erzählen, dass die Herausforderer Hildebrand und Hadubrand allein zwischen den beiden Heeren aufeinander trafen. Sohn und Vater richteten ihre Rüstungen her, legten ihre Kampfgewänder an, die Helden gürteten ihre Schwerter über die Panzer, ehe sie zum Kampfe ritten.« Mit der für mündliche Dichtungen typischen Einleitungsformel und einem spannungsgeladenen »Showdown« beginnt das »Hildebrandslied«, das einzige erhaltene Heldenlied in deutscher Sprache. Zwei Schreiber hatten es in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren des 9. Jahrhunderts auf dem vorderen und hinteren Deckblatt einer Fuldaer Bibelhandschrift eingetragen.In gedrängter, formelhafter Sprache und in Stabreimversen wird der archetypische Konflikt fast ausschließlich als Dialog vorgeführt, in dem Hadubrant seinen unerkannten Vater als Betrüger hinstellt und ihn indirekt beschuldigt, Frau und Kinder recht- und erbelos zurückgelassen zu haben, während Hildebrand verzweifelt seine Identität beteuert und sein Gegenüber zu beschwichtigen versucht. Als der eigentliche Kampf beginnen sollte, bricht der Text ab: man vermutet, dass sich Hildebrand aus Ehrgefühl gezwungen sah, seinen Sohn zu töten. Wie in anderen germanischen Heldendichtungen liegt auch dem »Hildebrandslied« eine Mythisierung von Ereignissen der Völkerwanderungszeit zugrunde. Der Ostgotenkönig Theoderich, der 493 nach mehreren Schlachten Odoaker die Herrschaft über Italien abgerungen hatte, lebte in der Heldendichtung weiter als heimatvertriebener »Dietrich von Bern« (mit Bern ist die italienische Stadt Verona gemeint), der nach 30 Jahren Exil am Hof des Hunnenkönigs Attila versuchte, mit seinem Waffenmeister Hildebrand sein angestammtes Reich zurückzugewinnen. Im epischen Kosmos des Dietrich-Sagenkreises dürfte die Begegnung zwischen Vater und Sohn also kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Ravenna, der »Rabenschlacht«, anzusetzen sein.
 
Heldendichtung war adlige Standesdichtung, sie diente nicht nur der Unterhaltung, sondern tradierte auch die ethischen Normen der Gemeinschaft, zum Beispiel Ehre, Tapferkeit, Gefolgschaftstreue, und war Teil der »Memoria«, der kollektiven Erinnerung, indem sie die Vorzeithelden in die Geschichte des Stammes oder der Sippe einband. Die Beliebtheit dieser mündlichen Dichtformen wird auch durch die heftige Polemik der Kirche belegt, die in der weltlichen Dichtung und ihren Trägern, der sozial heterogenen Gruppe der »Spielleute«, eine große Konkurrenz für ihren eigenen Verkündigungsauftrag sah. Die Gründe für die Aufzeichnung des »Hildebrandsliedes« sind nicht mehr zu eruieren: War es als Kontrast zu den biblischen Texten der Handschrift gemeint oder als Warnung vor den autochthonen ethischen Normen für ein noch stärker der germanischen Vorstellungswelt verhaftetes, sächsisches Publikum? War es vielleicht auch als zeitkritische Anspielung auf den Konflikt zwischen Ludwig dem Frommen und seinem Sohn Lothar gedacht, oder stand eine Art wissenschaftlich-antiquarisches Interesse dahinter, das vermutlich auch etwa die Niederschrift der genuin heidnischen »Merseburger Zaubersprüche« bestimmt hatte?
 
Die vorwiegend aus dem Adel stammenden Geistlichen hatten offensichtlich das Bedürfnis, in die christlich-lateinische Schriftlichkeit immer wieder Zeugnisse ihrer eigenen, weltlich-volkssprachlichen Kultur einfließen zu lassen, sei es in ironisch-distanzierter Form wie im lateinischen Hexameterepos »Waltharius« (9. oder 10. Jahrhundert), oder sei es als anschauliches Beispiel für den Unterricht der Grammatik, Rhetorik und Dialektik wie bei den von Notker Labeo zitierten althochdeutschen Sprichwörtern. Andererseits gehörte es zur »Taktik« der kirchlichen Missionsarbeit, nicht nur weltliche Vorstellungen und Stilmittel in den Dienst der Verkündigung zu stellen, sondern auch genuin weltliche Gattungen christlich zu funktionalisieren. Als Beispiel sei hier das »Ludwigslied« von 881/882 genannt: Nach alttestamentarischem Vorbild wird der Herrscher als persönlicher Schützling Gottes und der Einfall der Normannen als Prüfung und Strafe für das sündige Volk dargestellt.
 
Auch nach dem »Neubeginn« der deutschen Literatur ab der Mitte des 11. Jahrhunderts knüpfte der Klerus an historische Ereignisse im weitesten Sinn an, um unter den Laien sein auf das Jüngste Gericht zielende Weltbild zu propagieren. Die nach wie vor allein kulturtragenden, durch die Reform von Cluny und durch den Investiturstreit sensibilisierten Geistlichen versuchten damit, bei den Zeitgenossen das Bewusstsein zu schärfen, im »letzten Zeitalter« zu leben. Dem weltlichen Adel, der nicht zuletzt durch den Ausbau der Territorialherrschaft ein neues Selbstbewusstsein erlangt hatte, wurden wiederum unterhaltsame Erzählstoffe erschlossen, die dem kirchlichen Wahrheitsanspruch genügten und gleichzeitig das adlige Selbstverständnis in diese geistliche Auffassung von Weltgeschichte als Heilsgeschichte einordneten: So steht im »Annolied«, das um 1080 entstanden ist und offensichtlich die Heiligsprechung des Kölner Erzbischofs Anno (✝ 1075) fördern sollte, nicht die eigentliche Legende im Vordergrund, sondern eine sich perspektivisch auf Köln beziehungsweise auf Anno verengende Darstellung der sechs Zeitalter beziehungsweise vier Weltreiche, bei der unter anderem die einzelnen deutschen Stämme auf antike Völkerschaften zurückgeführt werden.
 
An das »Annolied« knüpfte ungefähr sieben Jahrzehnte später die in Regensburg im Auftrag der Welfen entstandene »Kaiserchronik« an, die in einer Aneinanderreihung von Kaiser- und Papstbiographien die Weltgeschichte von der Gründung Roms bis in die unmittelbare Gegenwart aufrollte. Die Darstellungen von Konrad III. und dem Kreuzzugsaufruf Bernhards von Clairvaux von 1147 belegen die Aktualität dieser Chronik. Wie vergrößerte Ansichten aus diesem umfassenden Geschichtspanorama erscheinen der »Alexander« des Pfaffen Lamprecht um 1150 und das »Rolandslied« des Pfaffen Konrad um 1170, die mit Alexander dem Großen und Karl dem Großen exemplarische Herrscher des vorletzten beziehungsweise letzten Weltreichs behandeln. Auch die »Spielmannsepen« wie zum Beispiel »König Rother«, »Herzog Ernst«, »Salman und Morolf«, »Oswald«, »Orendel«, die bei den Laien beliebte Motive wie Brautwerbung und Orientfahrt zum Gegenstand haben, bestätigen den Eindruck, dass noch in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts weltliche Erzählstoffe aus der Sicht der geistlichen Autoren offenbar nur dann literaturfähig waren, wenn sie sich in den göttlichen Heilsplan, das heißt in die Weltgeschichte einordnen ließen: So wird König Rother zum Vater Pippins und Großvater Karls des Großen; Herzog Ernst bringt von seiner Abenteuerfahrt den »Waisen«, den berühmten Solitär der Kaiserkrone, mit; und Orendel findet im Bauch eines Wals den »Grauen Rock«, eine bis heute in Trier aufbewahrte Reliquie. Der entscheidende Schritt zu einer »autonomen« weltlichen Literatur vollzog sich aber erst, als im Westen und Südwesten des deutschsprachigen Gebiets die in Frankreich und Flandern entwickelte höfisch-ritterliche Kultur und damit auch neue Formen der Literatur rezipiert wurden.
 
Dr. Bernd Steinbauer
 
 
Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, bearbeitet von Wolfgang Beutin u. a. Stuttgart u. a. 51994.
 Wehrli, Max: Geschichte der deutschen Literatur vom frühen Mittelalter bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Stuttgart 21984.

Universal-Lexikon. 2012.

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